Preisträger 2019 | Digital Services | Reading Traces

Young Professional 2019 in der Kategorie: Digital Services

Reading Traces

Eingereicht von Mark-Jan Bludau für UCLAB – Fachhochschule Potsdam




Was las Theodor Fontane? Und wie las er? Präsentierte sich Fontane als genauso kritischer Leser seiner eigenen wie fremder Werke? Anlässlich des  Theodor-Fontane-Jahres 2019 (200 Jahre Fontane) haben in einem gemeinschaftlichen Projekt das Theodor-Fontane-Archiv und das UCLAB der FH Potsdam eine webbasierte Visualisierung einer Autorenbibliothek entwickelt. Ausgangspunkt war die 155 Bände umfassende Handbibliothek Fontanes, die im Theodor-Fontane-Archiv in Potsdam aufbewahrt wird. Fontane hat diese Bücher selbst in Händen gehalten und mit ihnen gearbeitet. Dies zeigt sich in zahlreichen Marginalien und Markierungen, die er während der Lektüre vorgenommen hat, und welche in dieser Visualisierung zum ersten Mal auch in transkribierter Form erforscht werden können. Dazu wurden circa 64000 Einzelseiten digitalisiert und in einem aufwendigen Verfahren Seite für Seite mit Metadaten erschlossen.

Die Visualisierung eröffnet neue und aufschlussreiche Perspektiven auf eine einzigartige Autorenbibliothek und macht diese nun sowohl für Forscher*innen als auch für die Öffentlichkeit zum ersten Mal nutz- und erfahrbar. Fontane wird darin nicht nur als Leser, sondern auch als Kommentator der Werke anderer Autoren sichtbar. Mit der Visualisierung existiert nun eine neuartige grafische Benutzeroberfläche, die zum einen die Betrachter*innen dazu einlädt, die vielfältige Autorenbibliothek eigenständig zu erkunden, und zum anderen die theoretischen Ergebnisse der interdisziplinären Forschungskooperation zwischen dem UCLAB und dem Fontane-Archiv in Form umsetzt.

Dabei ließen sich von Seiten des Fontane-Archivs in Bezugnahme auf die Bedürfnisse der Forschung folgende Ziele festhalten: 1) die Bereitstellung möglichst der Gesamtheit der Bände einer Bibliothek; 2) die Implementierung von Suchanfragen-basierten Findmitteln; 3) die Bereitstellung von Anwendungen, mit denen sich das Profil der Sammlung und die in ihr sich abzeichnenden Kreativitäts- und Lektüremuster entdecken, erkennen und erforschen lassen. Insbesondere für das dritte Teilziel lagen bisher für den Spezialfall Autor*innenbibliothek keine Konzeptualisierungen vor. Unser Projekt verbindet daher die in der Regel als eine archiv- bzw. bibliothekswissenschaftliche Problematik adressierte Präsentation von Autor*innenbibliotheken mit der gestaltungsorientierten Forschung zur Visualisierung kultureller Sammlungen am UCLAB der FH Potsdam.

Das Projekt nimmt dabei zwei Impulse auf: Zum einen ist es dem ›Distant Reading‹ verpflichtet, das nach Möglichkeiten einer Mustererkennung auf der Gesamtheit oder auf Teilen einer Autorenbibliothek sucht; zum anderen sollen die Repräsentationen skalierbar sein, was Fragen zu Übergängen zwischen verschiedenen Granularitäten aufwirft. Ausgangspunkt für die Exploration der Visualisierung ist die Buch-Ebene, die eine Übersicht aller Bücher der Handbibliothek, geordnet nach Autor*innen, darstellt. Jedes Buch wird durch einen vertikalen Balken dargestellt, in dem eine Seite wiederum durch ein abgegrenztes Segment repräsentiert wird, sodass sich eine Ordnung der Bücher von oben nach unten ergibt. Die Seitensegmente sind farblich entsprechend ihrer Gebrauchsspuren kodiert. Während Seiten ohne Spuren weiß dargestellt werden, unterteilen sich die farbigen Lesespuren in vielfältige Kategorien. Mit Hilfe eines Suchfeldes können spezifische Textstellen, die einer Suchanfrage entsprechen, hervorgehoben werden.

Über die Scrollfunktion des Browsers können die Granularitätsebenen der Visualisierung erreicht werden. Dem Funktionsprinzip des Semantic Zoom folgend führt Scrollen nach oben zu einer höheren Abstraktion und nach unten zu einem höheren Detailgrad – es erlaubt also einen Wechsel zwischen den drei Ebenen. Das Scrollen ermöglicht dabei kontinuierliche, sinnhafte Übergänge zwischen den Ansichten und bietet die Möglichkeit, in eigener Geschwindigkeit vor- und zurückzugehen, mit dem Ziel, die Ansichtswechsel nachvollziehbarer zu gestalten. Neben dieser neuen Herangehensweise an Übergänge zwischen verschiedenen Granularitäten hält insbesondere die obere Ebene eine innovative Ansicht der Autorenbibliothek bereit: Hier sind alle Bücher eines Autors zusammengefasst, indem die Gesamtverteilung der Lesespuren in Form eines Flächen-Diagramms dargestellt wird. Hierdurch ist ein Vergleich von Fontanes Lesespuren, verteilt über die Werke unterschiedlicher Autor*innen möglich.

Die im Rahmen des Visualisierungs-Projektes entwickelte, neuartige visuelle Annäherung an Autor*innenbibliotheken und die in ihnen bezeugten Lektürespuren verbindet gestaltungsorientierte Ansätze zur Visualisierung kultureller Sammlungen mit philologisch-, archiv- und bibliothekswissenschaftlichen Forschungsfragen. Die Entdeckung neuer Forschungsfragen während des Prototypingprozesses und die damit einhergehende Nachjustierung in der Erschließung beleuchtet die Wechselwirkungen zwischen visueller Forschung, Metadatenmanagement und Philologie.

Website: https://uclab.fh-potsdam.de/ff/