Nominierungen 2019 | Produktdesign | Vaterland und Mutter Erde, die Heimat im Objekt

Nominiert 2019 in der Kategorie: Produktdesign, Young Professional

Vaterland und Mutter Erde, die Heimat im Objekt

Eingereicht von Maike Panz



In den letzten Jahren wurde der Heimatbegriff vor allem durch die rechte Szene geprägt. Auf vielen Afd-Wahlplakaten, auf denen ethnologische Vielfalt als Bedrohung für die „deutsche Heimat“ dargestellt wurde, war er zu finden. In meinem Projekt „Vaterland und Mutter Erde, die Heimat im Objekt“ habe ich den Heimatbegriff von der „anderen Seite“ beleuchtet. Ich habe nach Deutschland immigrierte Menschen interviewt und bin den Gefühlen auf den Grund gegangen, die sich hinter ihren Heimatbegriffen verbergen. Dabei hinterfragte ich, inwiefern Objekte in ihnen das Heimatgefühl hervorrufen können und ob Design Menschen dabei helfen kann, sich in einer fremden Kultur heimisch zu fühlen.

Schließlich habe ich meine Interviewpartner*innen in einem Keramikworkshop in den Gestaltungsprozess mit einbezogen, denn „Heimat entsteht durch Identifikation und Identifikation entsteht durch Teilhabe, durch Nutzung und durch Mitmachen“ (Konvent der Baukultur 2018, Prof. Matthias Sauerbruch).

Mit dem partizipativen Workshop verfolgte ich das Ziel, dass durch die eigene Anfertigung eine Bindung zu dem Objekt entsteht, welches, verknüpft mit der Erinnerung an einen Moment in der Gemeinschaft, ein Stück neue Heimat in sich trägt und ein Gemeinschafts- und schließlich Heimatgefühl hervorruft.

Die Individualität eines jeden Heimatbegriffs spiegelt sich in dem handwerklichen Anfertigungsprozess wieder. So individuell, wie es das Heimatgefühl, die Personen und ihre Geschichten sind, sollen auch die Objekte sein. Deshalb habe ich keinen maschinellen, sondern einen handwerklichen Anfertigungsprozess gewählt.

Das weiche Material Ton bietet die Möglichkeit, dass jede*r seinen*ihren individuellen, unverwechselbaren Fingerabdruck, seine*ihre Identität hinterlassen kann. Zudem ist Keramik ein empfindliches Material. Es bedarf an Sensibilität um mit dem Material zu arbeiten, so wie man auch mit dem Thema Heimat behutsam umgehen sollte. Denn nicht für Alle ist Heimat mit positiven Erinnerungen verknüpft.

So wie uns unsere Heimat und die in ihr gemachten Erfahrungen prägen und ihre Spuren in unserer Erinnerung hinterlassen, so zeichnen sich auch die „Erfahrungen“ des Tons in dem fertigen Objekt ab. So gehören „Fehler“ zum Handgemachten dazu, ebenso wie sie zu uns Menschen gehören. Die von den Interviewpartner*innen gestalteten Objekte ergänze ich mit von mir geformten Tonobjekten, die entweder formalästhetisch oder inhaltlich inspiriert sind von meinen Interviewpartner*innen, ihren Geschichten oder aber Objekten, die sie aus ihrer Heimat mitgebracht haben. Es entsteht eine Geschirrfamilie, in der jedes Gefäß seine eigene Funktion und somit seinen Platz und seine Wichtigkeit hat. Seine eigene Persönlichkeit und seinen individuellen Charakter. Jedes Gefäß kann unabhängig von den anderen Gefäßen genutzt werden und für sich stehen, doch bekommt die Geschirrfamilie zusätzlichen Mehrwert, indem sich die einzelnen Gefäße in ihren Funktionen gegenseitig ergänzen. So wie auch jeder Mensch seinen Teil in der Gesellschaft beiträgt, seinen Platz und seine Bedeutung hat, hat es hier auch jedes Gefäß.

Die Tongefäße finden ihren Platz auf dem Tisch Mutter Erde, die als die Mutter allen Lebens gesehen wird und somit einen uns alle verbindenden Ursprung darstellt. Die Inspirationsquelle für den gedrechselten Tisch liegt in meiner eigenen Geschichte und Heimat. Die Leidenschaft meines Vaters, ein passionierter Hobbydrechsler, begleitet mich seit meiner frühen Kindheit. Der Akt des gemeinsamen Drechselns lehrte mich, dass eine geteilte Leidenschaft und gemeinsames Anfertigen eine emotionale Verbindung schafft und diese stärken kann.

Gedrechselt habe ich den Tisch in der Eifel, der Gegend, die ich als meine Heimat bezeichne, in der Werkstatt meines Vaters, der als Teil meiner Familie für mich auch ein Stück Heimat ausmacht. Die Stufen im Inneren des Tisches greifen die durch die Verleimung entstehenden Linien auf der Außenseite auf und deuten die Vielschichtigkeit der Welt an.

Alle Objekte finden ihre Anwendung bei der Nahrungsaufnahme. Somit nimmt Nahrung, beziehungsweise Essen thematisch eine ganz zentrale Rolle in dem Projekt ein. Essen bildet einen ganz wesentlichen Teil einer jeden Kultur. Durch die gemeinsamen Gespräche wurde mir die Wichtigkeit bewusst, die Essen und der vertraute Geschmack aus der Heimat auch für das Heimatgefühl haben. Bei den Treffen mit meinen Interviewpartner*innen zeigte sich die mir entgegengebrachte Offenheit und Gastfreundschaft stets an reich gedeckten Tischen. So wurde mir bewusst, dass es bei gemeinsamem Essen um mehr geht als nur Nahrungsaufnahme. Essen wurde in dem Prozess zum Zeichen des Teilens. Nicht nur das Teilen von Nahrung, sondern auch das Teilen von Geschichten. Essen wurde zum Zeichen des Willkommenseins. Der Tisch „Mutter Erde“ bildet die Fläche, auf der alle Gefäße ihren Platz finden und alle Kulturen sinnbildlich zusammenkommen, sich ergänzen und eine Gemeinschaft bilden.