Nominierungen 2019 | Produktdesign | TRAB

Nominiert 2019 in der Kategorie: Produktdesign

TRAB

Eingereicht von Clara Keseberg



TRAB – weil er an einen Vierbeiner erinnert. Gesattelt steht er da und bietet durch seine breite und stabile Sitzfläche seine Dienste an. Der Hocker besteht aus zwei Hockerwangen, zwei Zargen, zwei Rundstäben und einer verbindenden Ledersitzfläche. Die Komponenten werden durch ein simples Stecksystem zusammengeführt. Bei Belastung der Sitzfläche rasten die Rundstäbe ein. Seine einfache Konstruktion trägt er nach außen, sodass der Betrachter die Funktionalität direkt nachvollziehen kann.

Das pflanzlich gegerbte Rindsleder und das Birkenholz legen den Fokus auf die natürliche Schönheit der Materialien. Sie sind körpernah und warm, sie wirken lebendig. Es erfolgt eine Personifizierung durch die Nutzung. Spuren der Zeit werden auf dem Leder sichtbar und machen jeden Hocker einzigartig. Zudem lassen sich der Bezug sowie auch alle anderen Teile austauschen. Aktuell ist eine Veggie-Variante aus Leinengewebe in Planung. Die Transparenz des Projektes, in dessen Rahmen der Hocker entstanden ist, ermöglicht den direkten Kontakt zum Hersteller bei Reparatubedarf (siehe Abschnitt Haus Brandenburg). Als Flatpack lässt sich TRAB gut lagern, transportieren und verschicken. Im zerlegten Zustand passt dieser in einen herkömmlichen Jutebeutel.

Den Korpus fertigt Victoria Einrichtungen in Bad Belzig, nicht weit von dort in Treuenbrietzen verarbeitet die Sattlerei Mauer das Leder. In naher Zukunft wird TRAB über soucisans.com vertrieben.

Entstanden ist der Entwurf im Rahmen des „Haus Brandenburg“, einer Initiative der Fachhochschule Potsdam. Als Mitinitiatorin von „Haus Brandenburg“ entwickelte ich die Plattform mit und agierte zeitgleich auf ihr als Gestalterin. Anders als in vorherigen Entwurfsprojekten wendeten wir uns nicht mit einem Entwurf an den Hersteller, damit dieser ihn dann im besten Falle produzierte – nein, wir lernten die Handwerker kennen, ihre Fähigkeiten und Persönlichkeiten, wir bekamen einen Einblick in ihre Spezialisierungen und die Ausstattung ihrer Werkstätten. Erst dann entwarfen wir in stetigem Austausch mit ihnen die Objekte, die das Haus Brandenburg bereits auf zahlreichen Ausstellungen der Öffentlichkeit zeigen konnte. Der Austausch mit den Herstellern des Hockers ließ mich die Leidenschaft für das Material spüren und erleben, mit welcher Hingabe sie das Material bearbeiten und die Erfahrung der jahrelangen Auseinandersetzung jeden Handgriff gefestigt hatte.

Aus der Annahme, dass aus Unsicherheit und Unverständnis das Bedürfnis nach Identität entsteht, schlossen wir, dass Nachvollziehbarkeit des Naheliegenden Verständnis schafft und somit Grundlage für Identität. Identität wiederum schöpft sich aus der Ressource unserer Umgebung. Der Fischer ist Fischer, weil er am Meer lebt. Doch ist es gar nicht mal so einfach für jeden, die Schönheit des Naheliegenden zu erschließen. Daher haben wir es uns als Gestalter im „Haus Brandenburg“ zu unserem Vorhaben gemacht.

Die Auseinandersetzung mit Brandenburg und dessen Ressourcen brachte die Natur in den Vordergrund. Die Einfachheit und Kleintönigkeit. Das Pragmatische und Verlässliche. Das Solide und Widerstandsfähige. So entstand TRAB. Ein Hocker, Symbol ländlichen Lebens. Zu 100% aus Ressourcen, die in Brandenburg aufzufinden sind. Elementare Werkstoffe, die dem Menschen seit Jahrtausenden dienen. Unverschleiert und ohne Schnörkel. Einfach und nachvollziehbar.

„Haus Brandenburg“ fördert das kooperative Arbeiten an der Schnittstelle von Design und Handwerk. Unser Vorhaben startete Anfang 2017 unter der Beteiligung verschiedener kreativer Disziplinen an der Fachhochschule Potsdam. Die zugrundeliegende Vorstellung ist die Realisierung einer „Ökonomie des Naheliegenden“. Die Entwicklung einer beruflichen Perspektive für DesignerInnen und HandwerkerInnen, die auf einer nachbarschaftlichen Kooperation fußt, ist uns dabei ein großes Anliegen.

In dieser Zusammenarbeit entstehen besondere Handwerks- und Manufakturprodukte aus Brandenburg, die einen regionalen Bezug erkennen lassen: Sind sie von hoher Qualität, entsprechen einer zeitgenössischen Design-Ästhetik und orientieren sich nicht zuletzt am Markt.

Alle Akteure von „Haus Brandenburg“, Handwerker und Designer, haben ein eigenes Profil auf unserer Website. Die Konsumenten bekommen die Möglichkeit nachzuvollziehen, woher ihr Produkt stammt und wer hinter den Objekten steckt. Zudem schafft es die Basis für ein dynamisches Netzwerk, sodass sich neue Akteure zusammenfinden und immer neue Kollektionen entstehen können.

(Produktfotografie: Patrick Theus, Inszenierte Produktfotografie: Moritz Jekat und Philipp Pusch)