Interview | Bombardier

Stellen Sie bitte Ihren mit dem Designpreis Brandenburg 2015 ausgezeichneten Beitrag kurz vor!

Das eingereichte und prämierte Design betrifft die Exterieur Gestaltung der neuen S-Bahn Generation für Hamburg. Für den Betrieb ab 2018 bestellte die Deutsche Bahn 2013 60 Züge bei Bombardier. Zur Exterieur Gestaltung zählt insbesondere die Kopfform, das „Gesicht“ des Zuges, aber auch die Umsetzung der Corporate Design-Richtlinien von Betreiber (DB) und Hersteller Bombardier.

Warum haben Sie gerade diesen Beitrag eingereicht?

Zum Zeitpunkt der Ausschreibung des Brandenburger Designpreises war dieses Projekt in der Abschlussphase und erfüllte damit sehr gut die Einreichungskriterien. Da im Schienenfahrzeugbau die Erneuerungszyklen länger sind, werden auch nicht immer mehrere Projekte gleichzeitig im Jahr neu designt.

Was ist beim Design eines Zuges zu beachten?

Das Design von Zügen wird durch eine große Anzahl von Anforderungen definiert, die in einer sogenannten Anforderungsstruktur erfasst werden. Diese sind betrieblicher Art, aber auch gesetzliche Vorschriften auf nationaler und internationaler Ebene sowie physikalische und technische Gesetzmäßigkeiten des Systems Schienenfahrzeug zählen dazu. Diese alle aufzuzählen, würde hunderte Seiten füllen. Als Beispiel kann ich erwähnen, dass die derzeit geltenden Crash-Vorschriften eine Metallstruktur im Frontbereich notwendig machen, die den Gestaltungsspielraum für Fensterform und -größe sowie die Verkleidungen im Fahrerraum und außen an der Front einschränkt. Es ist ein bestimmtes berechenbares Verhalten der Metallstruktur im Crashfall abzusichern, ohne dass Teile der Verkleidung dies beeinflussen.

Welche Eigenschaften wollten Sie mit dem neuen Design ausdrücken?

Die Deutsche Bahn betreibt in vielen Städten Deutschlands S-Bahn-Züge. Neben Orten wie Frankfurt, München oder Stuttgart, wo Standardfahrzeuge der DB verkehren, gibt es Städte, die traditionell besondere Bahnen brauchen und wünschen. Neben Berlin gehört auch Hamburg dazu. Der Senat der Stadt Hamburg wünschte sich ein Außendesign, das sich unterscheidet vom Fahrzeugdesign in anderen Regionen der Bundesrepublik. Die Aufgabe war also das DB Corporate Design an einem typischen Nahverkehrsfahrzeug umzusetzen und trotzdem dem Gesicht eine spezifische Ausdrucksform zu verleihen. Durch die Gestaltung von Frontleuchten, Fensterkontur, Verkleidungen und Farbgebung ist es gelungen, der Hamburger S-Bahn ein hanseatisches Gesicht zu geben.

Geben Sie uns einen Einblick in ihre Arbeitsweise. Welche Schritte durchläuft ein Design von Anfang bis zum Ende bei Ihnen? Wie lange dauerte der Designprozess für den Triebzug S-Bahn Hamburg?

Die Designabteilung ist integraler Bestandteil des Engineering-Teams von Bombardier. Insofern ist unsere Arbeitsweise auf die Prozesse der Fahrzeugentwicklung und die Zusammenarbeit mit den Ingenieuren abgestimmt. Wir starten in der Angebotsphase mit einem Designvorschlag, der von einem Referenzprodukt unserer Produktplattform abgeleitet und den Ausschreibungsbedingungen entsprechend angepasst wird. Die Visualisierung für den Kunden geschieht auf Basis von 3D-Modellen, die hochrealistisch gerendert werden. Ein Designbook fasst den Vorschlag für alle Bereiche des Exterieur und Interieur zusammen. Nach Auftragseingang wird dieser Vorschlag gemäß dem ausgehandelten Vertrag überprüft und angepasst. Das Designkonzept geht in den Abgleich mit den technischen Konzepten und durchläuft mehrere Reifungsphasen bis zur Produktionsreife. Dafür werden von den Designern auch die notwendigen Modelle in 3D erzeugt, die die Designlösungen beinhalten und von der Konstruktion übernommen werden. Zur Überprüfung der Entwicklungsstände werden virtuelle und maßstäblich gefertigte Modelle erzeugt, die gemeinsam mit dem Auftraggeber diskutiert und bestätigt werden.

Der gesamte Entwicklungszyklus dauert bei einem Fahrzeug wie der S-Bahn Hamburg etwa zwei Jahre, gerechnet vom Auftragseingang.

Warum haben Sie sich 2015 für den Designpreis Brandenburg beworben? Was haben Sie sich davon erhofft?

Design-Preise sind ein unabhängiges Qualitätssiegel für die Leistung der Unternehmen und ihrer Designabteilungen. Da Bombardier gerade im Berlin-Brandenburger Raum sehr präsent ist, ist ein lokaler Designpreis eine hervorragende Unterstützung bei der sozialen und kulturellen Einbindung.

Hat Sie der Gewinn des Preises überrascht?

Sagen wir mal so, im Produktdesign konkurrieren Erzeugnisse mit sehr unterschiedlicher Komplexität und Aufgabenstellung miteinander. Ein Zug stellt da sicher ein Extrem in dieser Bandbreite dar und ist durch seine starke technische und administrative Vordefinition schwer zu beurteilen. Insofern waren wir guter Hoffnung, aber der erste Preis war doch überraschend.

Welche Bedeutung hat ein Designpreis für Bombardier – welche für Sie persönlich? Und welche Bedeutung hat insbesondere der Designpreis Brandenburg für Bombardier?

Bombardier befindet sich in hartem Wettbewerb weltweit. In diesem Feld ist Industrial Design ein wichtiger Differenzierungsfaktor. Hier Best-Class Leistungen zu liefern, entspricht dem Anspruch Bombardiers. Es geht darum, den Markt an führender Stelle zu beliefern. Für Bombardier ist ein Designpreis ein wichtiges Zeugnis dafür, dass das Unternehmen auf allen Stufen der Wertschöpfungskette attraktive und zweckdienliche Lösungen für Kunden und Passagiere entwickelt. Persönlich ist ein Designpreis eine besondere Anerkennung der Leistung meines Teams. Der besondere Stellenwert des Designpreises Brandenburg unterstreicht die Leistung aller am Design beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und schafft Anerkennung innerhalb des Unternehmens. Das motiviert uns natürlich.

Was macht für Sie ein gutes Produktdesign aus?

Es muss seine Aufgabe erfüllen. Diese untergliedert sich in Teilbereiche wie Ästhetik, Gebrauch/Ergonomie oder Ressourcenbedarf. In verschiedenen Lebensbereichen sind die zu erreichenden Ziele natürlich entsprechend unterschiedlich. Bekleidung folgt hier z.B. anderen Regeln als Investitionsgüter wie Züge. Eine Frage, die besonders an die Jury hohe Ansprüche stellt. Eine S-Bahn „lebt“ mindestens 25 Jahre. Ebenso lange sollte das Designkonzept akzeptabel sein, und zwar für eine große und heterogene Nutzergruppe. Dabei darf die Lösung das Produkt nicht so verteuern, dass es nicht mehr attraktiv ist, sowohl für den Hersteller als auch für den Kunden. Das Kriterium „gut“ hat also viele verschiedene Beurteiler. Im spezifisch ästhetischen Bereich ist die Gestaltung auch für die Einsetzbarkeit und Nutzerfreundlichkeit zuständig. Dazu zählt neben der Verständlichkeit der innewohnenden Funktionen auch eine kulturelle Anpassung an die Identität der Nutzergruppe. Das kann wie bei Hamburg eine Stadt sein oder aber auch eine ganze Region oder Ethnie.

Gibt es für Sie ein typisches „Brandenburger Design“? Was zeichnet dieses Design aus?

Nicht im Schienenfahrzeugbereich. Industrial Design ist Aufgaben orientiert. Das heißt in diesem Fall, es muss den Bedürfnissen unseres Kunden DB in Hamburg entsprechen. Dies wird außerdem mit einem internationalen Designteam umgesetzt, sodass auch Sichtweisen von verschiedenen Designern einfließen. Hamburg ist schließlich eine international frequentierte Großstadt, die mit ihrem Nahverkehrsangebot auf internationalem Niveau mithalten möchte.

In anderen Bereichen wie Innenarchitektur ist das etwas anderes. Hier können lokale Einflüsse oder Traditionen durchaus im Design aufgegriffen werden.